Frankreich-Schuldenkrise: Was hohe Renditen für Anleger bedeuten
Auf einen Blick
- Zehnjährige Frankreich-Anleihen rentierten am Donnerstag zeitweise mit 5,1415 Prozent, so hoch wie seit 2002 nicht.
- Der Zinsabstand zu Bundesanleihen stieg auf über 1,7 Prozentpunkte, den höchsten Wert seit der Euro-Krise 2012.
- Moody's bewertet Frankreich mit Aa3 und negativem Ausblick; viele Ökonomen erwarten eine Herabstufung auf A1.
- EZB-Präsidentin Lagarde sieht die Lösung der Schuldenprobleme in Frankreich selbst, nicht bei der Notenbank.
- Steigende Renditen drücken die Kurse laufender Anleihen, besonders bei langen Laufzeiten.
Tendenzometer
TrefferquoteUmschichtung aus französischen Papieren in Bundesanleihen als sicherer Hafen drückt deren Rendite, solange die Unsicherheit anhält.
Stucki erwartet den Euro im Bereich zwischen 0,90 und 0,93 Franken, also eher eine seitwärts gerichtete Spanne.
Was heißt das für Anleger?
Für Sparer und Anleihenbesitzer bedeutet die Lage vor allem Kursrisiko: Steigen Renditen, verlieren bereits ausgegebene Anleihen an Wert, besonders bei langen Laufzeiten. Das betrifft auch Rentenfonds und ETFs, die französische Staatsanleihen enthalten. Für Kreditnehmer und Immobilienbesitzer kann die teurere Finanzierung in der Eurozone langfristig eine Rolle spielen, während Bundesanleihen laut Artikel derzeit als sicherer Hafen gefragt sind.
Konkrete Tipps für AnlegerFrankreich gerät an den Anleihemärkten immer stärker unter Druck. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen – also die jährliche Verzinsung, die Käufer zum aktuellen Kurs erzielen – stieg am Donnerstag zeitweise auf 5,1415 Prozent. So hoch lag sie zuletzt im Juli 2002. Am Freitagvormittag gab sie leicht auf 5,07 Prozent nach. Papiere mit 30 Jahren Laufzeit rentierten zuletzt mit 5,5 Prozent.
Frankreich-Schuldenkrise: Warum Anleger höhere Zinsen verlangen
Besonders aussagekräftig ist der Abstand zu deutschen Bundesanleihen, der sogenannte Spread. Er zeigt, welchen Risikoaufschlag Investoren für Paris im Vergleich zu Berlin verlangen. Am Freitag betrug er laut Handelsblatt mehr als 1,7 Prozentpunkte – der höchste Wert seit der Euro-Krise 2012. Anfang September lag er noch bei rund 0,85 Prozentpunkten.
Die Gründe für die Frankreich-Schuldenkrise sind vielfältig:
- Haushalt: Das Staatsdefizit liegt bei 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung, und Investoren zweifeln, dass Paris seine Finanzen in den Griff bekommt.
- Politik: Bei gewaltsamen Protesten gab es an einem Wochenende rund 2.400 Festnahmen. Nach ersten Schätzungen der Handelskammer wurden mehr als 2.000 Betriebe geschädigt.
- Konjunktur: Der Einkaufsmanagerindex, ein wichtiger Frühindikator, fiel im Oktober von 51,1 auf 48,4 Punkte. Werte unter 50 deuten auf eine schrumpfende Wirtschaft hin.
- Gläubiger: Der Anteil ausländischer Geldgeber an der Staatsschuld stieg seit Anfang 2022 von rund 48 auf fast 60 Prozent. Paris ist damit stärker auf das Vertrauen internationaler Investoren angewiesen.
Moody’s-Urteil: Was eine Herabstufung bedeuten würde
Zusätzliche Spannung bringt die Ratingagentur Moody’s. Sie bewertet Frankreichs Kreditwürdigkeit bislang mit der Note Aa3 und negativem Ausblick. Ihre Entscheidung wurde für Freitagabend nach Börsenschluss in den USA erwartet und stand bei Redaktionsschluss noch aus. Viele Ökonomen rechnen mit einer Herabstufung um eine Stufe auf A1. Fitch und S&P vergeben bereits die vergleichbare Note A+.
Auch nach einem solchen Schritt bliebe Frankreich klar im sogenannten Investment-Grade-Bereich, also bei solider Bonität. Weitere Herabstufungen könnten jedoch den Kreis der Investoren verkleinern, die französische Anleihen halten oder als Sicherheit akzeptieren können oder wollen. Eine weithin erwartete Herabstufung allein muss allerdings keinen neuen Ausverkauf auslösen.
Droht eine neue Eurokrise?
Bislang zeigt sich vor allem eine Umschichtung: Geld fließt aus französischen Papieren in Bundesanleihen und in den Schweizer Franken. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten Anfang der Woche um 3,4 Prozent. Bemerkenswert ist, dass Frankreich inzwischen höhere Zinsen zahlt als Italien oder Griechenland.
Der Gouverneur der französischen Notenbank, Emmanuel Moulin, sieht derzeit keine Finanzfragmentierung – also kein gefährliches Auseinanderdriften der Finanzierungsbedingungen im Euroraum. Dennoch verteuert der Ausverkauf französischer Anleihen die Finanzierung in der Eurozone. Unter Druck geraten können auch europäische Bankaktien, wenn Banken Wertverluste auf ihre Anleihebestände verbuchen müssen.
Was die EZB tun kann – und was sie nicht tun will
In der Staatsschuldenkrise kaufte die Europäische Zentralbank Staatsanleihen, um die Märkte zu beruhigen. Diesmal dämpft EZB-Präsidentin Christine Lagarde solche Hoffnungen: Die Lösung für Frankreichs Schuldenprobleme liege im eigenen Land. Ihr Notfallprogramm OMT setzt zudem voraus, dass ein Staat zuvor ein Programm des Euro-Rettungsschirms ESM akzeptiert. Ein zu frühes Eingreifen könnte außerdem als Finanzierung von Staatsschulden durch die Notenbank ausgelegt werden.
Bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche dürfte die EZB die Leitzinsen unverändert lassen. Der Ökonom Brzeski argumentiert, dass der Renditeanstieg für Frankreich ohnehin wie eine Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte wirkt: „Der Anleihemarkt hat der EZB die Arbeit abgenommen.“
Folgen für Bundesanleihen, Euro und Anleihefonds
Für Anleger in Deutschland ist die Frankreich-Schuldenkrise keine rein französische Angelegenheit. Kurse und Renditen von Anleihen bewegen sich gegenläufig: Steigen die Renditen, fallen die Kurse bereits ausgegebener Papiere – besonders stark bei langen Laufzeiten. Das betrifft auch Rentenfonds und ETFs auf Euro-Staatsanleihen, die französische Titel enthalten. Sinken die Renditen wieder, sind umgekehrt Kursgewinne möglich.
Bundesanleihen profitieren dagegen bislang von ihrer Rolle als sicherer Hafen. Beim Euro zeigt sich die Nervosität vor allem gegenüber dem Franken: Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank sieht den Euro unter 0,93, aber über 0,90 Franken. Wichtige Termine sind nun das Moody’s-Urteil, die EZB-Sitzung und der weitere Streit um den französischen Haushalt.
Was können deutsche Privatanleger konkret tun?
- Laufzeiten im Blick behalten. Bei Anleihefonds lohnt sich ein Blick auf die durchschnittliche Restlaufzeit, denn lange Laufzeiten reagieren stärker auf Zinsbewegungen.
- Anleihe-ETFs auf Inhalte prüfen. Wer Rentenfonds hält, sollte prüfen, welchen Anteil französische Staatsanleihen am Portfolio haben, um Klumpenrisiken zu erkennen.
- Sparplan beibehalten. Kurzfristige Schwankungen sind bei Anleihen normal; ein langfristig angelegter Sparplan muss nicht wegen einzelner Schlagzeilen angepasst werden.
Chancen
- Sinkende Renditen können Kursgewinne bei bereits gehaltenen Anleihen ermöglichen
- Bundesanleihen profitieren derzeit als sicherer Hafen
Risiken
- Weitere Herabstufungen könnten den Kreis möglicher Käufer französischer Anleihen verkleinern
- Steigende Renditen drücken die Kurse laufender Anleihen, besonders bei langen Laufzeiten
- Europäische Bankaktien können unter Druck geraten, falls Wertverluste auf Anleihebestände anfallen
Kennzahlen
| Höchste Zehnjahresrendite Frankreichs am Donnerstag, Niveau wie zuletzt Juli 2002 | 5,1415 % |
| Rendite 30-jähriger französischer Staatsanleihen | 5,5 % |
| Einkaufsmanagerindex Frankreich im Oktober (September: 51,1) | 48,4 Punkte |
| Französisches Staatsdefizit gemessen an der Wirtschaftsleistung | 5,4 % |